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Ägypten, Irmgard und meine magischen Momente

Teil 1

Zwanzig Jahre lagen zwischen der ersten und der dritten Reise nach Ägypten.

Beim ersten Besuch war mein Sohn Marvin eineinhalb Jahre alt und ich fand den Namen meiner noch ungeborenen Tochter am Strand. Ein kleines Mädchen hatte ihren Vornamen mit einem Stöckchen in den Sand geschrieben: Zoé 

Augenblicklich wusste ich, dass ich diesen Namen mit der Bedeutung Leben nie vergessen werde. 

Das wundervolle Land am Nil und die besonderen Begegnungen mit den dort lebenden Menschen machten uns den Abschied schwer.

Vielleicht ahnte ich schon, was uns, nach den unbeschwerten Tagen in Ägypten, die nächsten Jahre in Deutschland erwartet.


Durch eine frühe Kontrolluntersuchung vermutete der Kinderarzt bei unserm Sohn eine geistige Beeinträchtigung, die in der empfohlenen Kinderneuropädiatrie bestätigt wurde.

Marvin sei an der Grenze zur geistigen Behinderung. Diese Aussage brachte unser komplettes Leben durcheinander und mein Mann und ich konnten diese Expertenmeinung nicht akzeptieren. 

Nach langen verzweifelten Auseinandersetzungen und Verhandlungen voller Emotionen und vieler Tränen einigten wir uns auf die Abschlussdiagnose Asperger-Syndrom.

Hierbei handelt es sich um eine Wahrnehmungsverarbeitungsproblematik. Ich nenne es den milden Vetter des Autismus. Es liegt jedoch keine geistige Behinderung vor. 

Ausführlicher gehe ich in meinem Buch An der Grenze zur Einmaligkeit darauf ein. 

Zeitgleich wurde meine kleine Zoé geboren und zwischen geeignetem Kindergartenplatz finden für Marvin, vielen Therapien, den dazugehörigen Gesprächen und dem Krankenhausaufenthalt ihres Bruders, verbrachte sie ihre ersten drei Lebensjahre. 

Ich sorgte immer wieder für schöne Momente, wollte, dass es uns allen gutging und vergaß mich oft selbst dabei. Da mein Mann unter der Woche in einer anderen Stadt tätig war und dort auch wohnte, hatten wir nur unsere abendlichen Telefongespräche, um uns auszutauschen. 

Unser Leben hatte durch all diese Umstände seine Unbeschwertheit verloren und von mir und meiner Familie sämtliche Kraftreserven verbraucht.


Teil 2

Mit großer Vorfreude flogen wir zum zweiten Mal nach Ägypten.

Erschöpft saß ich nun am Strand von Hurghada, widmete mich meinen Kindern und genoss die Zeit mit meiner Familie.

„Ich möchte Ihnen ein Kompliment aussprechen“, hörte ich eine warme Stimme sagen. Ich drehte mich um und sah in die Augen einer älteren Dame. „Ich beobachte Sie bereits eine Weile und es rührt mich sehr, wie liebevoll und aufmerksam Sie sich mit ihren Kindern beschäftigen.“

Erschrocken und unerwartet kämpfte ich mit den Tränen, denn schon lange hatte ich kein liebes Wort mehr von einer fremden Person an mich gerichtet gehört.

Die demütigenden Ansichten von Menschen auf der Straße, ob in der Krabbelgruppe, auf Spielplätzen, auch von Seiten behandelnder Ärzte und Psychologen, nirgendwo schienen wir dazuzugehören, weil mein Sohn aus Verzweiflung und Überforderung der äußerlichen Einflüsse oft weinte und sich steifmachte. Immer musste ich mich den Fragen stellen, woran es liege, dass sich mein Sohn anders verhielt. Man sah ihm seine Probleme äußerlich nicht an. Ständig ergossen sich haltlose Vorwürfe über mich, ich spiele nicht richtig mit meinem Kind und mache alles falsch! Ebenso hatte ich ein Mädchen geboren und konnte die Zeit kaum genießen, vor lauter Sorgen und Vorwürfen meinerseits. Das schlechte Gewissen, einfach nur versagt zu haben, quälte mich sehr. Die letzten Monate hatten mir alles abverlangt. 

Durch die liebevollen, selbstlosen Worte dieser Frau kam mir alles schlagartig in den Sinn und sie trieben mir die Tränen ins Gesicht.

„Ich heiße Irmgard“, sprach sie und unsere Geschichte begann.


Wir liefen uns täglich über den Weg, lagen oft am Strand beisammen und sprachen über Gott und die Welt und ich genoss jeden Augenblick mit ihr. Sie berichtete mir von Blütenessenzen, die sehr wirkungsvoll seien, gerade in Bezug auf emotionale Belastungen. Sie liebte die Lehre der Bachblüten und gab ihr Wissen, in ihrer Heimat Österreich an die Menschen weiter. Kinder lagen ihr besonders am Herzen. Sie arbeitete zudem mit Farben, Energiefrequenzen und meditierte täglich.

Fasziniert hörte ich ihr zu, blieb offen und ließ mich begeistern für die für mich noch unbekannten Möglichkeiten.

Versuche das Meditieren selbst zu erlernen, hatte ich oft unternommen, es allerdings verworfen, weil ich keine Ruhe fand und mir die notwendige Muße dazu fehlte.

Ich bevorzugte das Staubsaugen! Das laute, brummende Geräusch, die monotone Ausübung dieser Tätigkeit in Bewegung, löste bei mir tranceähnliche Zustände aus. Erst purzelten meine Gedanken umher, mit der Zeit beruhigte sich mein Verstand und ich empfing die besten Ideen aus einer für mich höheren Ebene, wenn ich um Lösungen rang.


Zurück in Deutschland blieben wir in Kontakt miteinander, schrieben uns und telefonierten regelmäßig.

Irmgard machte mich mit den Bachblüten vertraut. Sie empfahl mir viele Bücher zu diesem Thema, die ich gern las und sie schickte mir Tabellen zur Selbstanwendung. Sie sah in mir bereits eine weitere Bachblütentherapeutin und ich empfand es als wunderbaren Ausgleich zu meinem nicht immer schönen Alltag. Es machte mich glücklich, dass sie an mich glaubte und es spendete mir Trost.


So vergingen die Jahre. Die reiselustige Irmgard schickte mir aus aller Welt bunte Postkarten, die sie randvoll beschrieb. Mit ehrlichen Worten und manchmal auch bestürzt berichtete sie mir über ihre Enttäuschungen, die sie unter anderem in Indien erlebte. Der Fluss Ganges enthielt so viel Dreck und Müll, dass es ihr kaum möglich war, ein geeignetes Fotomotiv zu finden.

Die farbenprächtigen Karten aus Afrika gefielen mir besonders gut. Ich stellte sie in meiner Wohnung auf und freute mich täglich darüber, einen so außergewöhnlichen, mutigen Menschen zu kennen.


Nun begannen die Gespräche und Vorbereitungen für die bevorstehende Auswahl zur weiterführenden Schule für Marvin und mich überkamen erneut viele Ängste. Wird mein Sohn das neue Schulsystem verstehen? Wie werden die neuen Lehrer und Schüler auf ihn reagieren?

Aus einem inneren Impuls entschied ich mich, all meine Ängste und Ereignisse niederzuschreiben, die wir in den letzten Jahren erlebt hatten.

Am Ende des Manuskriptes bedankte ich mich bei allen Menschen, die mir wichtig waren in dieser unrunden Zeit und natürlich gehörte Irmgard dazu.

Nun wollte ich einen Verlag finden, um anderen Menschen mit unseren Erfahrungen Mut zu machen.

Allerdings behielt ich es bei den Telefonaten mit Irmgard für mich, weil ich sie damit zu gegebener Zeit überraschen wollte. 

Doch es sollten zehn weitere Jahre bis zur Veröffentlichung vergehen, weil sich mein Sohn inzwischen in der Pubertät befand und mich bat, dieses für ihn noch „peinliche“ Thema ruhen zu lassen.

Die eigene, intensive Auseinandersetzung und Aufarbeitung halfen Marvin später, sich mit dem Asperger-Syndrom zu versöhnen. 


Teil 3

Endlich hatte ich einen wunderbaren Verleger gefunden, der mich darin unterstützte, unsere Geschichte zu veröffentlichen.

Die Briefe und Telefonate mit Irmgard waren weniger geworden und beschränkten sich auf die Weihnachtszeit und zu besonderen Anlässen. 

Zu ihrem Geburtstag im Mai teilte ich ihr endlich schriftlich mit, dass ich ein Buch geschrieben hatte und dass die Veröffentlichung im August sei. Sie rief mich kurz nach Erhalt meiner Post zurück und freute sich sehr über diese wunderbare Neuigkeit. Im weiteren Verlauf des Gesprächs erschien sie mir allerdings erschöpft und ein wenig durcheinander. Ihr falle das Telefonieren an diesem Tag schwer, sagte sie und so kamen wir schnell zum Ende. Irmgard war mittlerweile vierundsiebzig Jahre alt und ich hatte Verständnis dafür. Jedoch beschlich mich ein seltsames Gefühl. 

Schließlich schob ich die trüben Gedanken beiseite. Im Juni musste ich mein Manuskript überarbeiten und ich war bereits sehr aufgeregt und voller Vorfreude hinsichtlich der Veröffentlichung.

Dank Irmgard und weil es mittlerweile die Zeit zuließ, hatte ich nun ebenfalls die Liebe zur Meditation entdeckt und ganz ehrlich, ich genoss diese kurze Auszeit von meinem Alltag.

Ich legte mich mittags für eine halbe Stunde in mein Bett und versuchte meinen Verstand zu leeren. Durch die Entspannung und Entlastung, die ich mir erlaubte, wurde mein Körper zunehmend bewegungsunfähiger und ich fiel in einen tranceähnlichen Zustand.

Meine Bewusstheit erweiterte sich und ich fühlte, wie ich auf eine andere Bewusstseinsebene wechselte, in der alles zu Strahlen begann. Mit Hilfe meiner Gedankenkraft konnte ich mich fortbewegen und fliegen. Ich musste mich richtig konzentrieren, um in diesem wunderbaren Zustand zu verweilen. Das kleinste Geräusch im Wohnraum holte mich zurück in mein Tagesbewusstsein. Mein Blick aus dem Fenster verriet mir komplett andere Wetterverhältnisse, als ich sie gerade noch erlebt hatte auf meiner Reise. Vielleicht um das Erlebte scheinbar zu beweisen.

Es faszinierte mich, was möglich war und welch eingeschränkte Sicht ich auf das Leben hatte.

Es musste etwas Größeres geben, als unser irdisches Dasein, davon war ich überzeugt. Außerdem erlebte ich erst meine Erfahrungen und anschließend las ich mich dazu ein, um mir diese phänomenalen, großartigen Ereignisse erklären zu können. Die passenden Bücher und Internetseiten dazu fanden sich von selbst.


Im August war es dann soweit. Ich bekam ein großes Paket druckfrischer Freiexemplare meines Buches zur persönlichen Verfügung von meinem Verleger zugesandt.  Im Geiste hatte ich schon eine Liste erstellt, welche Menschen ich damit beschenken wollte.

Glücklich schickte ich Irmgard mein erstes Werk. Ich freute mich bereits, dass sie im Abspann unter dem Kapitel „Danke“ ihren Namen las. Endlich konnte ich zum Ausdruck bringen, wieviel mir ihre Freundschaft bedeutete.

Die Wochen vergingen, aber Irmgard meldete sich nicht. Ich konnte keine Erklärung dafür finden.


Teil 4

Irmgard hatte sich immer noch nicht bei mir gemeldet, aber es beunruhigte mich nicht weiter.

Im September legte sich die positive Aufregung über die Veröffentlichung meines Buches in mir ein wenig und ich freute mich auf meine tägliche Meditationsstunde. 

Ob ich heute eine Reise unternehme? Ich konnte es nicht steuern, sondern es geschah einfach oder auch nicht. Bald spürte ich das Zusammensinken meines Körpers und die damit verbundene Bewegungslosigkeit, die sich in mir breitmachte. „Was mich jetzt wohl erwartete? “, dachte ich bei mir.

Diesmal konnte ich die Augen öffnen, was mir nicht immer gelang. Ich erschrak!

Am Fußende des Bettes stand eine Person von zarter Statur. In gräulich braunem Schleier erkannte ich eine Frau in zögerlicher Haltung.

Schnell war ich hell wach. So etwas hatte ich noch nicht erlebt. Ich kniff die Augen zusammen, konnte allerdings niemanden in meinem Zimmer entdecken. Hatte ich mir diese Erscheinung nur eingebildet? Ich muss zugeben, es machte mir Angst. Hatte ich einen verstorbenen Menschen gesehen?

Am nächsten Tag das gleiche Ereignis. Ich konzentrierte mich und erkannte tatsächlich eine Frau mit halblangem Haar, die mir am Bett gegenüberstand. Eh ich mich versah, verschwand diese Szene vor meinen Augen. 

Ich benötigte dringend eine Pause, um diese Erfahrung zu verarbeiten und entschied mich, verstärkt im Internet zu recherchieren. Ich musste all meine Fragen dazu klären: „Wie verhalte ich mich richtig, wie gehe ich mit meinen Ängsten um?“ Ebenso konnte ich mit meinem Mann über diese außergewöhnliche Situation sprechen und er glaubte mir.  „Frag diese geistige Person doch mal, was sie von dir möchte?“, entgegnete er und ich muss zugeben, daran hatte ich gar nicht gedacht, vor lauter Schreck.

Ich legte mir eine Strategie zurecht und bangte mutig dem nächsten Mittag entgegen.

Es kam gruseliger, als von mir erwartet.

Bereit zur Meditation versuchte ich mich zu entspannen, was mir diesmal kaum gelang. Nach geraumer Zeit endlich rutschte ich in diesen erweiterten Bewusstseinszustand und öffnete meine Augen.

Da lag etwas ganz nah bei mir. Ich erkannte ein Gesicht. Das Antlitz einer älteren Frau mit vielen Falten und strubbeligen grauen Haaren. Ihre Augen blickten seitwärts, von mir abgewandt und dennoch fühlte und wusste ich, um ihre verwirrte, traurige Verfassung, in der sie sich befand. Ich blieb ruhig, um den Kontakt aufrechterhalten und fragte auf telepathische Weise, wer sie sei. Es verging nur wenig Zeit, gleichzeitig fühlte es sich für mich wie eine Ewigkeit an. Ich betrachtete sie weiter, bis ihr Abbild verschwand, ohne eine Auskunft von ihr erhalten zu haben. 

Allmählich kam mein Tagesbewusstsein zurück und ich war entsetzt über diese Nähe, die ich erlebt hatte und über mich selber. „Kann ich nicht einfach normal sein, warum passiert mir so etwas?“, dachte ich und mich beschäftigten noch mehr Fragen zu diesem Thema, zu diesem Geschehnis, als je zuvor.

Ich bekam keinen weiteren Besuch. Die Fragen zu dieser Situation blieben für mich unbeantwortet. Ruhe kehrte beim Meditieren ein, was mich aufatmen ließ.


Teil 5

Es war Anfang Dezember geworden, als ich endlich einen Brief aus Österreich erhielt, allerdings war er mit fremdem Namen adressiert.

Die Tochter von Irmgard schrieb mir:

„Liebe Frau Wintermeier,

Ich habe Ihre Post im Briefkasten meiner Mutter „gefunden“, ich muss Ihnen leider mitteilen, dass meine Mutter im Juli ganz unerwartet verstorben ist. Sie war in den letzten zwei Jahren geistig nicht mehr so fit, aber heuer hat sich ihr Zustand leider sehr rasch verschlechtert und sie kam nach einem Klinikaufenthalt im Mai direkt ins Pflegeheim. Im Juni bekam sie eine Gehirnblutung samt Lungenentzündung und verstarb innerhalb von wenigen Tagen trotz guter Genesung. Ich habe Ihre liebe Karte und die Dankeswidmung in ihrem Buch über meine Mutter gelesen, was mich sehr berührte. Ich bin so frei und werde Ihr Buch von Anfang bis zum Ende lesen und meine Mutter wird sicherlich „mitlesen“.

Ich wünsche Ihnen, Marvin und Ihrer ganzen Familie alles Liebe und Gute.“


Traurig und ergriffen, über diese Nachricht, setzte ich mich. Damit hatte ich nicht gerechnet. Irmgard hatte sich doch noch im Mai bei mir telefonisch gemeldet. Konnte es sein, dass sie danach ins Krankenhaus kam? 

Mir schwirrte der Kopf. War das die Erklärung für das Gefühl, was mich beschlich bei unserm letzten Telefongespräch, dass Irmgard zum Ende verwirrt erschien? Die Tochter sprach davon, dass sie schon zwei Jahre lang nicht mehr fit war. Ich hatte das nie so empfunden, nur dass ihr das Telefonieren schwerfiel, davon wusste ich.

Plötzlich erinnerte ich mich an die verwirrte Frau, die sich im September an meinem Bett gezeigt hatte. Hastig suchte ich nach Fotoaufnahmen, die ich von Irmgards Reisen besaß und sah auf einmal die Ähnlichkeit, obwohl sie auf den Urlaubsfotos ausgeruhter wirkte.

Irmgard hatte mich besucht! Sie hatte mich nicht vergessen. Über ihren Tod hinaus hatte sie sich mir zeigen wollen und es passte zu dem, was ich bei meinen Recherchen zu diesem Thema gelesen hatte. Es braucht meist drei Monate der Aufarbeitung, bis sich Verstorbene melden. I

Irmgard zeigte sich mir verwirrt, damit ich die richtigen Rückschlüsse ziehen konnte und sie erkannte. Sie kam, um sich zu verabschieden und bewies mir gleichzeitig, dass nach dem irdischen Tod noch so viel mehr auf uns zu warten scheint.


Damit könnte für mich diese wahre und wunderbare Geschichte enden.  Doch zwei Jahre später, nachdem Irmgard verstorben war, reisten wir noch ein drittes Mal nach Ägypten.


Teil 6

Erneut lernte ich eine nette, ältere Dame am Strand kennen und wir führten gern Gespräche miteinander. 

Am letzten Tag trafen wir uns zur Verabschiedung und ich sagte ihr, dass mir diesmal die Magie fehlte.

Ich berichtete ihr von den magischen Augenblicken der letzten zwei Urlaube in Ägypten. 

Damit sie mich besser verstand, erzählte ich ihr von dem Namen meiner Tochter im Sand und von Irmgard aus Österreich. 

Sie hörte interessiert zu und fing an zu schmunzeln. Sie kam ebenfalls aus Österreich und es stellte sich heraus, dass wir denselben Menschen kannten.

Da hatte ich meine Magie!

Freudig über diesen „Zufall“ erzählte sie mir aus ihrem Leben und dass sich beide aus frühester Jugend kannten. 

„Irmgard war eine Außenseiterin, unangepasst, eigensinnig und verrückt“, berichtete sie mir und noch vieles mehr. Im Winter trug Irmgard rosarote Bekleidung, alles rosarot, vom Mantel bis zum Schuh und die Leute amüsierten sich darüber.

Das unterschied sich sehr von meinem Eindruck, meinem Empfinden, wie ich Irmgard wahrgenommen hatte. Dass sie ein Buch über Bachblüten und ihre Wirkungsweisen geschrieben hatte und vielen Menschen mit ihrem Wissen und alternativen Heilmethoden half, wusste die Dame nicht.

Irmgard war verrückt, aber für mich im positiven Sinne. Für die damalige Generation schien sie tatsächlich ein Außenseiter zu sein, für mich nicht. 

Ich sah sie als Pionierin und Wegbereiterin zur Selbständigkeit für die Frauen von heute und ich fand sie entzückend, erfrischend und sie besaß ein großes Herz. 

Warum sollte sie im Winter nicht Rosarot tragen von Kopf bis Fuß? Sie hatte sich mit der Farbenlehre befasst und wusste um die Bedeutung der Farben. 

Es sprudelte nur so aus mir heraus und meine Begleitung hörte mir erstaunt zu. Diese Seite von Irmgard kannte sie nicht. Dann beschlossen wir aufzubrechen und nahmen uns zum Abschied in den Arm. Auf dem Heimweg überkam mich ein großes, warmes Glücksgefühl.

Auf wundersame Weise hatte ich die Gelegenheit bekommen, die einseitige Wahrnehmung auf einen für mich bemerkenswerten Menschen zu berichtigen und von seinen vielseitigen Facetten, die jeder Mensch besitzt, zu erzählen.

Liebe Irmgard, ich danke dir von ganzem Herzen für die vielen wertvollen Einsichten, die ich durch dich erfahren und erleben durfte. Dir begegnet zu sein, macht mein Leben unendlich reich.